Über das Schaumburger Platt

Mit dem Schaumburger Platt ist es ein bisschen so wie mit Bielefeld. Denn die Stadt mit ihren rund 330000 Einwohnern im Herzen Ostwestfalen-Lippes ist Dreh und Angelpunkt einer feinen Verschwörungstheorie – die zwar nicht ganz ernst gemeint ist, sich aber seit fast einem Vierteljahrhundert nicht nur gehalten sondern immer weiter entwickelt hat. Der Kern: Bielefeld gibt es gar nicht.  

So ist es auch mit dem Schaumburger Platt – das gibt es auch nicht. Das haben wir in den letzten Wochen festgestellt, als wir die ersten Textideen umsetzen wollten. Und zwar so ganz korrekt – im Schaumburger Platt, das es so aber eben nicht gibt.

Moin gibt es in Schaumburg nicht

Sagt man das all denen, die noch Plattdeutsch in der Region sprechen oder damit hörenderweise großgeworden sind, schütteln diese wahrscheinlich verständnislos den Kopf – natürlich gibt es ein Plattdeutsch, das so ganz anders ist als woanders. Ein Beispiel? Gern auch zwei. Bitteschön: In Schaumburg kürt man Platt, weiter im Norden schnackt, snackt, snakt man Platt. Und die Begrüßung Moin gab das bisher auch nicht. In Schaumburg sagt man ’n Tach, wenn man irgendwo rein kommt.

Aber das Schaumburger Platt als einheitliche regionale Ausformung des Niederdeutschen gibt es nicht.

Ein Blick in die Geschichte

Ein Blick in die Geschichte hilft ja bekanntlich immer, um die Gegenwart zu verstehen: Das Plattdeutsch im heutigen Landkreis Schaumburg zeichnet sich seit jeher durch seine mikro-regionale Vielfalt aus. Sie war vor allem auf der lautlichen Ebene hörbar. In fast jedem Dorf klang das Plattdeutsch ein wenig anders als im nächsten. Und auch auf der Wortebene gab es Unterschiede von Dorf zu Dorf. Wer also aus dem Bückeburger Raum in die Ortschaften rund um Stadthagen kam, wurde sofort als „Fremder“ erkannt.

Vielfalt bewahren: Sammlung von Texten, Wörten und Videos

Um diese Vielfalt zu bewahren, hat eine Arbeitsgruppe der Schaumburger Landschaft bereits vor einigen Jahren begonnen, plattdeutsche Texte, Wörter und Videos zu sammeln. Alle Beispiele werden lokal eingeordnet. Als Raster der mundartlichen Verbreitung des Schaumburger Platt hat die Arbeitsgruppe die alten Kirchspiele über das Schaumburger Land gelegt. Ein Kirchspiel ist ein Pfarrbezirk, in dem mehrere Ortschaften einer Kirche zugeordnet sind. Ein Beispiel: Zum Kirchspiel Probsthagen gehören die Dörfer Probsthagen, Vornhagen, Habichhorst, Lüdersfeld und Niedernholz. Wenn Ihr mehr wissen wollte, klickt Euch doch auf die Platt DB der Schaumburger Landschaft.

Schaumburger Platt hat immer weniger Muttersprachler

Ein Kennzeichen des Schaumburger Platt war also die mikro-regionale Vielfalt. Die Betonung liegt hier allerdings auf dem Wörtchen war. Denn heute gibt es in fast keinem der alten Kirchspiele Menschen, die ihr Plattdeutsch im Alltag sprechen. Das Schaumburger Platt ist bereits seit einigen Jahren auf dem Weg zu einer „toten Sprache“. Eine Sprache gilt dann als ausgestorben, wenn es keine Muttersprachler mehr gibt. Dieser Prozess ist nicht mehr aufzuhalten. Im Landkreis Schaumburg leben zwar noch viele Menschen, die mit Plattdeutsch großgeworden sind. Aber die selbstverständlich mündlich-tradierte Weitergabe der plattdeutschen Sprache endete kurz nach dem zweiten Weltkrieg flächendeckend. Warum die Alten mit den Jungen auf einmal kein Plattdeutsch sondern Hochdeutsch gesprochen haben? Das lest Ihr demnächst in einem extra Beitrag.

Seit vielen Jahren bemühen sich viele „Plattkürer“ in der Region, auf ganz unterschiedliche Weise, ihr Plattdeutsch weiterzugeben, zu pflegen und zu archivieren.

Von der gesprochenen Sprache zur Schriftsprache

Aus der gesprochenen Sprache wird damit zwangsläufig eine Schriftsprache werden und da stehen alle vor einem großen Problem: Eine einheitliche Schreibweise. Die ist aber fast gar nicht möglich, gibt es doch so viele lautliche Unterschiede allein im Schaumburger Platt. Friedrich Bölsing aus Lindhorst hat eine niederdeutsche Sprachlehre geschrieben und darin das Plattdeutsch im Kirchspiel Lindhorst Schaumburg-Lippe festgehalten. Eine riesige Leistung, weil er nicht nur eine umfassende Grammatik aufgeschrieben sondern sogar eine eigene Lautschrift entwickelt hat. Ob es gelingt, aus der Sprache Plattdeutsch in der ganzen Region Schaumburg ein Sprachsystem zu entwickeln? Eine große Aufgabe.

Mit dieser beschäftigen sich übrigens auch viele Menschen in Ostwestfalen-Lippe. In Bielefeld und drumherum gibt es ebenfalls Plattdeutsch, das wieder so ganz anders ist als in der Region Schaumburg. Und wenn Ihr in Bielefeld überleben wollt, dann schaut mal in „Pömpel, Patt und Pillepoppen“, den Sprachführer Ostwestfälisch.

Denn soviel ist klar – Bielefeld gibt es. Ganz bestimmt.

Linktipps 

Wenn Ihr mehr über die Bielefeld-Verschwörung lesen wollt, Euch das Original von Achim Held http://bv.bytos.de/ und http://www.bielefeldverschwoerung.de/ an.

Der Wikipedia-Eintrag gibt einen kompakten Überblick auf die Geschichte der Bielefeldverschwörung

Spiegel ONLINE hat zum 20-jährigen Bestehen der Bielefeldverschwörung ein Interview mit Achim Held veröffentlicht, das man gut mal lesen kann.

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