Warum wird im Schaumburger Land immer weniger Plattdeutsch gesprochen?

Das Schaumburger Platt stirbt aus – nicht nur in seiner Vielfalt, sondern insgesamt. Anders als in anderen Ecken Norddeutschlands, gibt es im Schaumburger Land kaum noch Menschen, deren Muttersprache Plattdeutsch ist. Aber warum ist das so?  

Darüber haben Heimatforscher und Plattkürers bereits in den 1980er Jahren nachgedacht. Zwei entscheidende Gründe nennt Wilhelm Weiland in seinem Vorwort des Plattdeutschen Wörterbuchs:

  • Plattdeutsch habe den Stempel einer minderwertigen Sprachform erhalten, die ein Hemmnis in der Bildung und dem Weiterkommen im Leben darstelle. Deshalb hätten Eltern aufgehört, mit ihren Kindern plattdeutsch zu sprechen.
  • Nach 1945 habe die Völkerverschiebung von Ost nach West dazu beigetragen, in der Region weniger Plattdeutsch zu sprechen. Die geflüchteten (und vertriebenen) Menschen haben das heimische Platt schlicht nicht verstanden.

Das Ende der Muttersprache

Es gibt in den Dörfern des Landkreises Schaumburg heute nur noch wenige Menschen, deren Muttersprache Plattdeutsch ist. Als Muttersprache wird die Sprache bezeichnet, die ein Kind von den Eltern erlernt hat und vorrangig benutzt. Indem die Eltern also aufhören, mit ihren Kindern Plattdeutsch zu sprechen, läutet diese Generation das Ende der gesprochenen Sprache insgesamt ein. Wann genau dieser Prozess im Schaumburger Land begonnen hat, habe ich bisher nicht herausgefunden.

Die Generation meiner Großeltern aber, die in den 1920-er bzw den 1930-er-Jahren geboren wurden, sind mit Plattdeutsch als Muttersprache großgeworden. Sie haben bis zum Start in der Schule ausschließlich platt gesprochen. Erst kurz vor der Einschulung haben Eltern und Großeltern begonnen, den Kindern Hochdeutsch beizubringen, damit sie in der Schule mitarbeiten konnten.

Die Generation meiner Eltern, die in den 1940er und 1950er-Jahren geboren wurden, haben Plattdeutsch nicht mehr alle als Muttersprache gelernt. Hier setzt ein Wandel in der Sprachvermittlung ein – Plattdeutsch ist in den Familien nur noch Umgangssprache. Die Muttersprachler sprechen untereinander weiter plattdeutsch, bemühen sich aber, ihren Kindern Hochdeutsch von Beginn an, beizubringen. Diese Zweisprachigkeit zieht sich allerdings nicht durch.

Meine Generation, die in den1960er und 1970er Jahren geboren wurde, hat Plattdeutsch zwar noch gehört, aber nicht selbst gesprochen. Plattdeutsche Lieder, Verse, Phrasen und einige Begriffe aber sind im Gedächtnis geblieben – ein Beispiel ist das kleine Lied „Lüttsche Burmeike van Dörpe“. Wie das klingt, könnt Ihr hinter diesem Link hören.  

Damit sie sich verstehen

Nach dem zweiten Weltkrieg kamen viele Menschen durch Flucht und Vertreibung ins Schaumburger Land.

Der Verzicht auf das Plattdeutsche im Alltag ist verständlich. Es galt, in einem kurzen Zeitraum eine große Zahl Menschen in die Gesellschaft einzugliedern. Noch im Mai 1939 lebten 94181 Menschen in der Region. Ende 1950 waren es 156092. Innerhalb von etwas mehr als zehn Jahren ist die Bevölkerungszahl um rund 65 Prozent gestiegen. Ein rasantes Wachstum in kurzer Zeit.

Und ein schwieriger Prozess – viele Familien prägt diese Erfahrung bis heute. Die Geflüchteten fanden im Schaumburger Land ein neues Zuhause, bauten Häuser, gründeten Familien. Wilhelm Weilands Grund für den Verlust des Plattdeutschen vom Anfang des Artikels weite ich an dieser Stelle aus. Dass die Geflüchteten das regionale Platt nicht verstanden, ist nur ein Aspekt – theoretisch hätten sie es lernen können. Aber Sprache ist immer auch Heimat. Die neuen Schaumburger hatten eine eigene Muttersprache, mit der sie großgeworden sind, eine eigene Melodie, eigene Worte und Begriffe, die so etwas wie die Heimat im Herzen darstellen. Die neuen Schaumburger und die alten kamen zusammen, gründeten Familien in denen Hochdeutsch als Hauptsprache und zwei regionale Mundarten zum Alltagsgemurmel gehörten. Eine neue, andere Vielfalt entstand.

Sprachwechsel von Plattdeutsch zu Hochdeutsch abgeschlossen

Damit ist der Sprachwechsel vom Plattdeutschen zum Hochdeutschen auch im Schaumburger Land vollendet. Plattdeutsch wird in der Region nur noch selten als Umgangssprache benutzt. Dafür wird sie immer mehr zum Kulturgut.  Plattdeutsche Theaterstücke, Gottesdienste in niederdeutscher Sprache und nicht zuletzt die plattdeutsche Kolumne in der Tagezeitung zeigen das an.

An dieser Stelle setzt übrigens auch unsere Idee von plattdeutscher Musik an. Damit retten wir sicher nicht das Schaumburger Platt vor dem Ende – aber wir wollen es wohl gern noch ein wenig klingen lassen.

Linktipps

Bei meiner Rechercheanfrage zur Bevölkerungsentwicklung hat der Landkreis Schaumburg nicht nur die Zahlen geliefert sondern auch noch zwei Links mitgeschickt.  Die Texte dahinter beschäftigen sich mit der Situation der Flüchtlinge in Schaumburg nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Autor Wilhelm Gerntrup hat 2014 und 2016, als viele geflüchtete Menschen in die Region kamen, einen Blick zurück geworfen. Zwei interessante Artikel, die die SZ/LZ online vorhält. Leseempfehlung!

50 000 Flüchtlinge für Schaumburg, 21.10.2014

Ein Stück Brot und ein Apfel, 09.01.2016 

5 Gedanken zu „Warum wird im Schaumburger Land immer weniger Plattdeutsch gesprochen?“

  1. Meine Oma (gebürtige Steinhuderin, 2010 verstorben) hat das Schaumburger Platt noch als Muttersprache gelernt. Meine Oma väterlicherseits ist ein Flüchtling aus Pommern gewesen. Sie musste das Platt lernen.
    Die Steinhuder Oma hat später immer gemeint, sie könne kein Platt mehr, wenn ich sie gebeten habe, es mir beizubringen. Allerdings hat sie immer Wörter und Phrasen im Alltag verwendet, die auch ich noch nutze. Ich würde gerne das schaumburger Platt sprechen lernen. Verstehen kann ich es einigermaßen aber eine Sprache lebt nur, wenn man sie spricht….

    1. …oder singt. 😉 Das ist zumindest unser Zugang. Denn wir haben Plattdeutsch auch nur über das Hören mitbekommen und trauen uns da jetzt mal ran.

      Danke Dir für Deine kleine Platt-Geschichte. 👍🏻

  2. Leise Ines, leiwer Christian,
    das was ganz gladd mi-he jöck gestern in Sülbcke.
    Un niu heww eck eok juen Blog anekierken.
    Wenn jäi witt, kann eck eok noch wat bäistöiern.
    Beste Gröiße,
    Dormanns Henning

    1. Leiwer Henning,

      dat wür en düchtich gauden Dach jistern. Wi wiaten nu, wat wiaten heest und vert näste Moal, dat Uprejunge bi jück nich Nod daut. 😉
      Sech den janzen Arbaatskrink Plattdeutsch vanne Schaumburger Landschaft n groten Dank ver de Inloadunge taun plattdütschen Dach.
      Un du krijest düsse Dage n E-Mail van Ines – se het doa all wat Lüttchet in Koppe.

      Moake et jaut, Ines und Christian

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