Tadaaa: Was über „Dat du min Leevsten büst“

Tadaaa – hier isser, der platte Evergreen: Wer sich mit Plattdeutsch und Musik beschäftigt, kommt an „Dat du min Leevsten büst“ nicht vorbei. Es gehört zu den bekanntesten Liedern in niederdeutscher Sprache, die es gibt. Du kennt das nicht? Kann eigentlich nicht sein. Aber falls doch, scroll dich ans Ende des Textes. Da gibt es ein Audio – Christian und ich haben das letztens mal ins Handy gesungen.

Ein erotischer Gassenhauer

Wer genau das Lied geschrieben hat, weiß man nicht. Klar ist aber wohl jedem, der sich den Text anschaut: „Dat du min Leevsten büst“ kommt melodisch ganz wohlklingend daher, gehört aber inhaltlich in das Genre „erotische Gassenhauer“. Erstmals veröffentlicht wurde es übrigens 1845 von Karl Mühlenhoff. Wer mehr zur Geschichte wissen will, findet einen guten Start im Wikipedia-Artikel dazu.

Ein „Blind Date“ vor 170 Jahren?

An einer Textstelle bleibe ich immer hängen. Kumm bi de Nacht, kumm bi de Nacht, segg wo du heeßt. Ich frage mich: Weiß die Gute gar nicht so genau, wer da in der Nacht auf dem Weg zu ihr ist? Wer sich zu einem solch romantischen Schäferstündchen verabredet, muss doch den Namen des anderen kennen. Vor allem vor mehr als 170 Jahren! Und dann soll die ganze Nummer auch noch unter dem Dach der Eltern ablaufen.  Da wäre ein Blind Date mehr als mutig.

Selbst heute, wo das Internet mit seinen sozialen Netzwerken wie tinder oder parship jede Menge Wege zur anonymen Kontaktanbahnung bietet, kann ich da nur schwer hindenken. Man holt sich doch keinen Kerl ins Haus, dessen Namen man nicht kennt, schon gar nicht auf dem Dorf!

Dorfkinder wissen Bescheid!

Da sind doch die Eltern in der Kammer nebenan das kleinste Problem. Damals wie heute. Habt Ihr schon mal versucht, unbemerkt unter der Woche morgens um 4 Uhr heimlich nach Hause zu kommen? Das ist selbst nüchtern ein Abenteuer. Irgendeiner der Nachbarn muss aufs Klo und guckt eben aus dem Fenster, zack erwischt. Oder ein Hund schlägt an, einfach, weil da was anders ist als sonst – und dann sind alle wach. Solltet Ihr es doch bis zum Haus schaffen, flammt das Hoflicht auf – Bewegungsmelder sei Dank stehen alle und alles hell und klar erleuchtet im fiesen Flutlicht. Es ist unheimlich schwer, nein, wenn ich es mir recht überlege, eigentlich nahezu unmöglich, unbemerkt ins Haus zu kommen. Dorfkinder wissen, wovon ich spreche. Denn wir haben es ja schließlich alle versucht – Abi-Fete, Schützenfest, Ahnebeier – Anlässe gab es reichlich. Aber irgendwas war ja dann immer.

Und dieses Risiko geht doch niemand ein für jemanden, dessen Namen man nicht kennt. Damals nicht, weil das das gesellschaftliche Aus bedeutet hätte. Und heute auch nicht, weil das einfach nur peinlich wäre. Boden dau deck up, eck will versinken.

Jeden zweiten Schritt hört Oma.

Vielleicht aber bedeutet die Zeile „Segg wo du heest“ auch nur, dass derjenige einmal seinen Namen nennen soll. Ein leises Flüstern des Liebsten, bevor er an die Kammertür klopft? Das wäre schon sehr romantisch – aber mindestens genauso riskant. Denn nebenan, wir erinnern uns, schlafen Mama und Papa. Und mit ein bisschen Glück irgendwo die Geschwister, gegebenenfalls sogar noch Oma. Und wenigstens die hört ja bekanntlich jeden zweiten Schritt – mindestens.

Wie immer: Es gibt Alternativen.

Also habe ich mal genauer geschaut – und siehe da, nicht nur ich stehe an der Stelle auf dem Schlauch. Es gibt die erste Strophe auch mit einer anderen Liedzeile: Kumm bi de Nacht, kumm bi de Nach, segg mi wat Leevs. Übersetzt heißt das soviel wie Komm in der Nacht, komm in der Nacht, sag mir was Liebes. Da bekommt dann die erste Strophe einen neuen gedanklichen Dreh. Sehr nett – da kann ich mit!

Aber weil das wohl erst später textlich so hingedreht wurde, eventuell auch wegen der moralischen Bedenken, bleiben wir am Original und denken uns während des Singens unseren Teil.

Hier die wohl bekanntesten fünf Strophen von „Dat du min Leevsten büst“

  1. Dat du min Leevsten büst, dat du woll weeßt.
    Kumm bi de Nacht, kumm bi de Nacht, segg wo du heeßt;
    kumm bi de Nacht, kumm bi de Nacht, segg wo du heeßt.
  2. Kumm du um Middernacht, kumm du Klock een!
    Vader slöpt, Moder slöpt, ick slap aleen;
    Vader slöpt, Moder slöpt, ick slap aleen.
  3.  Klopp an de Kammerdör, fat an de Klink!
    Vader meent, Moder meent, dat deit de Wind;
    Vader meent, Moder meent, dat deit de Wind.
  4. Kummt denn de Morgenstund, kreiht de ol Hahn.
    Leevster min Leevster min, denn mößt du gahn!
    Leevster min Leevster min, denn mößt du gahn!
  5. Sachen den Gang entlang, lies‘ mit de Klink
    Vader meent, Moder meent, dat deit de Wind;
    Vader meent, Moder meent, dat deit de Wind.

Links

Hier geht es zur Volkslieder-Sammlung von Zeit-Online.

Richtig schick finde ich die sehr moderne Interpretation von Maybebop auf dem Album Sistemfehler. Gibt’s bei Soundcloud zu hören. Kopfhörer-Empfehlung – dann könnt Ihr den Wind fast fühlen. 🙂

 

4 Gedanken zu „Tadaaa: Was über „Dat du min Leevsten büst““

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