Nich‘ bange sejn!

„Eck was nich bange“. Mitten im Winter wird mir ganz warm ums Herz. Ich sitze in einem Seniorenheim auf einem Hocker und unterhalte mich mit einer Frau, die fast ein ganzes Jahrhundert erlebt hat. Anna Meier ist 1924 in einem Dorf im Schaumburger Land geboren und großgeworden. Richtig weit gekommen ist sie nicht – zumindest räumlich. Mit ihrem Mann ist sie später nur ein paar Kilometer weiter  ins Nachbardorf gezogen. Nun ist sie 93 Jahre alt und lebt in einem Seniorenheim.

En Bauk vull mie plattdeutsche Wurte

Eigentlich bin ich gekommen, um nach plattdeutschen Liedern zu fragen, die Anna Meier kennt. Weil sie alles aufschreibt, was ihr so einfällt. „Eck harre en Bauk vull mie plattdeutsche Wurte“. Und nicht nur das. Auch die Gedichte und Lieder hat sie auf unzähligen Zetteln in Mappen abgeheftet. „Da was eck noch ’n biaten heller in Koppe“, sagt sie und wir müssen lachen. Denn eins ist klar, helle dat is se jümmer noch.

Vor allem „Lüttsche Burmeike van Dörpe“ interessiert mich sehr, weil ich dieses Lied zur Melodie von „Kommt ein Vogel geflogen“ aus meiner Kindheit kenne. Anna Meier und meine Großeltern waren von Kindesbeinen an befreundet.

Jeden Tag eine Stunde Hochdeutsch

Während sie mir von „Hans satt achtern Schosteen“ und anderen Liedern erzählt, nimmt sie mich mit in ihre Kindheit. Als alles noch so anders war als heute. Plattdeutsch ist Anna Meiers Muttersprache. Sprechen und denken hat sie in platt gelernt, erst als die Schule naht, bekommt sie Hochdeutsch beigebracht. Ihr Großvater hat jeden Tag eine Stunde mit ihr geübt.

„Hev wi noch ’n bittchen, drink wi noch ’n Lüttchen“

Während wir reden, wechselt Anna Meier immer wieder zwischen Hoch und Platt hin und her. „Meine Kindheit war eine schöne Zeit“, sagt sie heute. Wie alt genau sie war, erinnert sie nicht mehr. Aber im Herbst und Winter gehörte es dazu, dass die  Männer sich Mittwochsabends in der Küche getroffen haben. Dort wurde vor allem gesungen. „Hev wie noch ’n bittchen, drink wi noch ’n Lüttchen“ – nicht unbedingt Inhalte, die für kleine Kinder geeignet sind. So musste auch Anna Meier zeitig ins Bett – wie schade, denn Musik und Gesang mag sie sehr – bis heute. Heimlich hat sich das kleine Mädchen wieder aus dem Bett geschlichen und mucksmäuschenstill unter die Treppe auf einen Hocker gesetzt. Dass die Füße kalt wurden, war ihr egal. Ein Lied, das mochte sie besonders gerne hören.

Und immer wieder die Liebe

Welches das ist, will ich eigentlich gerade fragen, doch dazu komme ich nicht. In ihrem Sessel im Seniorenheim fängt sie bereits an zu singen.

„Trina, kumm mol fer de Dür, kumm mol ‚ n bieten rut.
Eck will die wat Nej’s vertelln, un du bis miene Brut“.

Ein schmissiges Lied, das, wie sollte es anders sein,  von der Liebe handelt.

Über die Bäche und Gräben

Ihre große Liebe ist übrigens zunächst mal mit dem Fahrrad an ihr vorbeigefahren. Anna Meier hat ihn sofort erkannt. Sie, die so anders war, als die meisten Mädchen ihrer Generation. Die nichts mit Zöpfen im Sinn hatte und lieber über die Bäche und Gräben gesprungen ist. Die den Jungs in ihrer Klasse auch schon mal eine gefeuert hat, wenn sie frech wurden. Die gern zur Handelsschule gegangen wäre, das aber nicht machen konnte, weil das „Tentereje“, also nichts Gescheites für ein Mädchen war. Doch ihr Wilhelm hat ihr die kleine Welt um sie herum zu Füßen gelegt, so gut es eben ging. Er ist schon lange nicht mehr da – und fehlt sehr.

Ein Dankeschön mit Musik

Aber auch heute ist Anna Meier nicht bange und nimmt jeden Tag, so wie er ist. Die Langweiligen wie die Guten. Ganz besonders schön sind die, an denen gesungen wird, sagt sie. Da ist sie immer dabei. Wir verabreden uns für ein weiteres Treffen. Dann werden wir nichts erzählen, sondern miteinander singen, plattdeutsch und hochdeutsch. Als kleines Dankeschön für die vielen Lieder und Erinnerungen, die Anna Meier mit mir geteilt hat.

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