Äpfel und Nüsse

Der Martinstag im Schaumburger Land

Und? Hat heute jemand geklingelt? Spätestens an Martini müssten sie eigentlich da gewesen sein, die Kinder mit ihren Laternen und Liedern. So war es zumindest lange Tradition im Schaumburger Land.

Martinssingen: Tausche Lied gegen Schnökerkram

Am 11. November ist der Martinstag. Für die Kinder im Schaumburger Land war dieser Tag wichtig, denn hier gab es Schnökerkram ohne Ende. Damals wie heute heiß begehrt. In kleinen Gruppen haben sie sich verabredet und sind am Nachmittag durch die Nachbarschft gezogen. Hinter den Haustüren standen schon die Körbe mit den süßen Leckereien. Früher waren es Äpfeln, Nüsse oder Birnen. Heute sind es eher Boltjen, Fruchtgummi und andere kleine Süßigkeiten.

Plattdeutsches Martinslied im Schaumburger Land

Vor das Zuckerzeug hatte der Brauch aber ein Lied gestellt. Das wohl bekannteste plattdeutsche Lied habe ich in meiner Kindheit auch noch gesungen. Kennt Ihr das so oder vielleicht in einer anderen Textversion?

Matten, Matten, gauen Matten

Matten, Matten, gauen Matten,
wer et woll edauen kann,
Appel un de Birn,
Nüete un de Kirn,
Bräebirn schmecket ok sau gaut,
smet se in mien Füllerhaut.

Ziemeling, Ziemeling, schön ist die Frau.
Laet meck nich sau lange staehn,
wie müht noch hen ne Kölle gaehn,
Kölle is ne rieke Stadt, do kiejet alle Kinner wat.
Ziemeling, Ziemeling, schön ist die Frau.

Wer die Tür trotz des Gesangs der Kinder nicht aufgemacht hat oder nichts in die Taschen und Körbe der Kinder gelegt hat, wurde mit einem Schmähvers bedacht:

Witten Twirn und schwatten Twirn, dütt ole Wief, dat gifft nich giern.

Das gleiche Prinzip: Klingeln, Vers aufsagen, Süßes einsacken

Ob das Lied heute noch zum Martinstag gesungen wird – habe ich mich in den letzten Tagen gefragt. Und gleich hinterher dachte ich: Gehen die Kinder überhaupt noch los zum Martinssingen? In Lübeck klingeln sie am Reformationstag und folgen dem amerikanischen Halloween-Brauch mit gruseligen Kostümen und merkwürdigen Reimen. Naschis wollten sie auch. Wer nichts gibt, wird zumindest verbal und in Reimform bedroht – das Prinzip ist ähnlich, nur der Termin und der Name sind anders.

Martinssingen im Schaumburger Land heute

Am Martinstag klingelte übrigens niemand. Auch im Schaumburger Land wird das weniger, so scheint es mir. Ich hörte von Erwachsenen, die sich am Abend den Korb mit dem Schnökerkram mit auf’s Sofa genommen haben. Weil so viel übrig war. Nun. So ist es wohl mit den Bräuchen und Traditionen – sie verändern sich.

Martinimoat – der Heiratsmarkt in Wiedensahl

Alte Tradition zum Martinstag sind die großen Märkte im Schaumburger Land. Zwei gibt es, die weit über die Grenzen hinaus bekannt sind. Seit fast 200 Jahren findet der Heiratsmarkt in Wiedernsahl, auch Martini- oder Wiedensahler Markt genannt, statt. In dem Ort, in dem Wilhelm Busch geboren wurde, wird die Hauptstraße zur Flanier- und Festmeile: mit Marktfrühstück und Rundgang der Offiziellen sowie jede Menge Kram und Zeug an Ständen und Buden.

Ein Ort der Begegnungen

Den Namen „Heiratsmarkt“ hat das Getümmel in der Woche vor Martini wohl daher, dass stolze Väter ihren Töchter zu dieser Gelegenheit den ein oder anderen potentiellen Schwiegersohn vorstellen wollten. Das ergab sich wohl nebenbei, denn früher fanden hier auch Schweine und Kühe einen neuen Besitzer. Egal, wer wann mit wem: Im Anschluss wurde gefeiert. Heute gibt es in Wiedensahl düt und dat, von allem wat. Man sieht und wird gesehen. Und die ein oder andere Liaison bahnt sich zwischen Bananen-Fred, Bratwurst und Bierbude sicher auch noch an – wenn nicht für ein Leben, so denn für eine kleine Weile.

Prost Jahrmarkt: Der Martini-Markt in Rodenberg

In Rodenberg lockt der Martini-Markt an mehreren Tagen die Menschen ins Städtchen. Der Jahrmarkt heute ist bunt und trubelig. Fahrgeschäfte, Glühweinbuden und jede Menge fliegender Händler sorgen für eine ganz besondere Stimmung, die ihr Publikum selbst bei Nieselregen und Kälte anzieht. „Prost Jahrmarkt!“

Martinssingen und Martinimarkt – woher kommt’s?

Ein Blick in die landwirtschaftliche Historie zeigt: Der Martinstag markierte den Wechsel von Feldarbeit im Sommer und Herbst zur Haus- und Stallarbeit im Winter. Dienstvereinbarungen wurden aufgelöst, Pachtverträge neu verhandelt.

Äppel und de Birn: Singen, um über den Winter zu kommen

Zum 11. November entließen die Bauern auch die kleinen Landarbeiter und Bediensteten in den Winter. Sie mussten zusehen, wie sie bis zum Frühjahr über die Runden kamen. Die Kinder baten am Vorabend von St. Martin an den Türen der Häuser um Essen. Äpfel, Birnen, Nüsse – wie in dem Martinslied oben beschrieben, ließen sich gut einlagern.

Markttage als großes gesellschaftliches Ereignis

Für die jungen Leute auf dem Land bedeutete das Ende der Arbeit aber auch ein kleines Stück Freiheit. Endlich war nicht nur Zeit sondern auch Gelegenheit, wegzugehen. Krom’s Mariechen schreibt im Buch Rote Röcke – Trachten und Brauchtum im Schaumburger Land

„Dat besonnere doanne was, dat se van allen Dörpern rund ümme de Stadt keimen un wollen seck vergnügen un abens up’n Ratskellersaale danzen. Up düssen Dag freue seck dat Volk al lange.“

Das hat sich bis heute nicht verändert.

Links zum Weiterlesen

Einen etwas anderen Vers zum Martinstag findet Ihr auf der Plattdeutsch Datenbank des Arbeitskreises Plattdeutsch der Schaumburger Landschaft

Mehr über das Buch „Rote Röcke – Trachten und Brauchtum im Schaumburger Land“ lest Ihr hier.

Zur Bildergalerie des Wiedensahler Marktes 2018 der Schaumburger Nachrichten geht es hier entlang. Den Martini-Markt in Rodenberg hat die Redaktion auch im Bild festgehalten – bitteschön!

Einen Artikel über den Heiratsmarkt in Wiedensahl lest Ihr beim Schaumburger Wochenblatt. Und den Martini-Markt haben die Kollegen auch in Wort und Bild festgehalten – Prost Jahrmarkt 😉

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